Tobias Dresen Blog und News

Schlagwort: Die Linke

Warum das Erstarken der AfD eine Chance sein kann

»Was?« werden jetzt einige denken und der ein oder andere allein schon auf Grund der Überschrift überlegen, mich in den sozialen Medien zu entfreunden. Dann hoffe ich, dass diese – im Gegensatz zu vielen AfD-Wählern – nicht nur die Überschrift lesen, sondern auch die restlichen Zeilen lesen werden.
Vorne weg: Ich habe die AfD nicht gewählt und sympathisiere mit ihr zu rund null Prozent. Was ich aber nicht nach vollziehen kann, ist das Entsetzen über deren Ergebnis. Es war doch vollkommen klar, dass nach den letzten Landtagswahlen und den Umfragen diese »Partei« mit einem zweistelligen Wahlergebnis in den Bundestag einziehen würde. Und ja, das ist ein Schlag in Fresse, was passiert ist. Aber der kam quasi in Zeitlupe. War es also die Hoffnung, dass ausreichend AfD-Sympathisanten doch noch zur Vernunft kommen? Oder, dass wir eine Wahlbeteiligung von 100% haben und von denen keiner mehr AfD wählt? Sorry, aber das ist utopisch.

Eine der wenigen wirklich reifen Reaktionen kam von einer sehr guten Freundin. Sie bot das Gespräch an, um verstehen zu können, warum jemand AfD wählt. Und genau da muss- aus meiner Sicht – jeder ansetzten, der ein gleiches oder besseres Ergebnis für die »Blauen« in Zukunft verhindern will. Gleichzeitig darf hier aber auch nicht missionarisch vorgegangen werden. Ich persönlich sehe die Lösung eher im Zuhören und Auseinandersetzen mit dem Gegenüber, auch wenn ich hier selbstkritisch einräumen muss, dass ich das nicht immer so gehalten habe. Der Dialog an sich ist wichtig. Daher sehe ich es eher skeptisch, wenn sich Workshops bilden, um gegen die AfD zu argumentieren. Das Problem liegt schon im Wort »gegen«. In diesem Augenblick habe ich schon ein Ziel formuliert, noch bevor ich mich mit meinem Gegenüber auseinandersetzen konnte. Mit andern Worten: Ich lehne seine Position schon im Vorfeld ab. Es geht hier auch nicht um den harten Kern dieser Wähler. Sondern um all jene, die diese Partei aus Protest gewählt haben.

Auch das »Ossi«-Bashing – vor allem das Sachsen-Bashing muss ein Ende haben. Ja, die meisten Stimmen kamen aus Ostdeutschland. Ja, das ist nicht schön. Aber es hilft so gar nicht sich hier zu echauffieren und den Schwarzen Peter dorthin zu schieben. Die AfD ist ein deutschlandweites Phänomen. Nur in einem einzigen Wahlkreis hat es die AfD nicht über die 5% Hürde geschafft und auch dort nur knapp. Wenn zum Beispiel eine Frau Jutta Ditfurth schreibt »Es war ein Fehler Dresden wieder aufzubauen« dann macht sie damit genau das, was wir den Anhängern der AfD immer vorwerfen: Sie pauschalisiert und stellt die Einwohner einer ganzen Stadt auf eine Stufe. Wie kann ich etwas von anderen erwarten, wenn ich selbst nicht in der Lage bin es zu tun? Frau Ditfurth, damit haben Sie sich leider keinen gefallen getan. Das ist quasi so, als würde man Sie ständig als »Die dicke Frau, die gemein zu Nina Hagen war« bezeichnen. Auch nicht schön, oder?

Doch noch wichtiger ist jetzt – und hier sehe ich die eigentliche Chance – das alle Parteien die letzten Jahre überdenken müssen und sich dabei auch gleich neu erfinden und aufstellen. Die FDP (und auch die kann ich nicht leiden) hat dies bereits in ersten Schritten getan und wurde nach 4 Jahren Abwesenheit aus dem Bundestag vom Wähler dafür mit einem zweistelligen Wahlergebnis belohnt. Zwar sind es meiner Ansicht nach nur alte Themen neu verpackt und präsentiert vom Hobbymodel Lindner auf den unterschiedlichsten Kanälen. Aber der Eindruck eines frischen Windes ist da. Das muss ich den (Neo-)Liberalen zähneknirschend zu gestehen.

Und wie sieht es nach der Wahl bei den anderen Parteien aus?
Die SPD hat die erste Konsequenz gezogen und geht in die Opposition. Weitere richtige Schritte wären, sich nicht nur inhaltlich, sondern auch personell neu aufzustellen. Quasi eine politische Frischzellenkur. Zum Beispiel mit einer Führungsmannschaft, deren Altersdurchschnitt bei 40 Jahren liegt. Gleiches gilt auch für Die Linke. Vielleicht finden sich in einer neuen Generation auch eher ähnliche Positionen, die eine Zusammenarbeit erleichtern, denn genau hier liegt für die neue Opposition die Chance. Ob die SPD diese Chance tatsächlich wahrnehmen wird, wage ich zu bezweifeln, lasse mich aber gern positiv enttäuschen.
Erste zögerliche Ansätze sind zu erkennen, aber in wie weit diese Früchte tragen werden, bleibt abzuwarten. Unabhängig davon haben wir als Bürger die Pflicht wieder mehr miteinander als übereinander zu reden. Auch wenn mir die Ansicht des Anderen nicht passt, kann der erste Schritt nur im Akzeptieren liegen (auch wenn es schwer fällt). Vielleicht schaffen wir es, gemeinsame Punkte herauszufinden und diese zu formulieren und unseren Politiker aller Parteien im Bundestag mitzuteilen. Wenn dies viele machen, dann werden auch Reaktionen folgen und wir werden sehen, wie die einzelnen Parteien damit umgehen.

Zum Schluss:
Da die politische Korrektheit ja »ein Stück weit vorbei« ist, zum Schluss noch meine persönliche Einschätzung der AfD (Achtung, kann Spuren vom Sarkasmus enthalten): Es sind tatsächlich keine Nazis. Die Nazis waren immerhin Sozialisten. Weiterhin ist und wird die AfD keine Lösung sein, sondern ist das juckende Furunkel am Arsch der politischen Landschaft in Deutschland.

30. September 2017     0 Comments   , , , , , ,